Zwischenbilanz: Sind E-Scooter umweltfreundlich?

E-Scooter von Lime

Seit Juni 2019 findet man sie auf deutschen Straßen, Fahrradwegen und bundesweit in Innenstädten: E-Scooter sind mittlerweile ein fester Bestandteil des Straßenbilds und aktuell aus der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr wegzudenken. Emissionsfreie Mobilität gilt global gesehen unumstritten als eines der fundamentalsten Ziele, die es für uns Menschen zu erreichen gilt. Die Uhr steht schon fast zu lange auf kurz vor zwölf. Nicht verwunderlich ist es also, dass die akkubetriebenen Scooter zu Beginn wie ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung aussahen. Schnell wurde jedoch klar: Ganz so einfach mit der Ökobilanz ist es dann doch nicht.


Wir zeigen, was sich seit 2019 getan hat, was optimiert wurde, welche Baustellen es noch gibt und wie man aktiv dabei helfen kann, mittels Elektromobilität nachhaltig die Umwelt zu entlasten.

Die Lebensdauer ist entscheidend

Im August 2018 führte die amerikanische Stadt Louisville innerorts den Verleih von E-Scootern der Marke „Bird“ ein. Die Nutzungsdaten der Scooter in der Großstadt sind hierbei bis heute online öffentlich einsehbar. Eine Auswertung dieser Daten legt nahe, dass die durchschnittliche Lebensdauer der Elektroscooter anfangs bei circa 28 Tagen lag und von den ursprünglich 129 eingesetzten, per Identifikationsnummer eindeutig gekennzeichneten Geräten nur sieben Stück länger als 60 Tage in Betrieb waren. Die Gründe hierfür könnten vielfältiger nicht sein: Vandalismus, Verschleiß, unsachgemäße Nutzung, technische Defekte oder andere nicht näher definierte Ursachen, zu denen der Dienstleister bisher noch keine Stellung bezogen hat. Die Leichtbauweise dieser E-Scooter ist nach wie vor eine Schwachstelle, die den Lebenszyklus verkürzt und somit ein ursprünglich nachhaltiges Konzept in Prinzip zugrunde richtet. Ladeprozesse der Akkus werden teils von Privatpersonen durchgeführt, die Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor nutzen, um mehrere Scooter gleichzeitig zu transportieren. Folglich verursachen solche Fahrten einen CO2-Ausstoß, der direkt mit der Benutzung von E-Scootern korreliert. Andere verzichten wiederum auf den Spritverbrauch und schlichten dafür mehrere Scooter quer über einen Einzelnen, der als Transportfahrzeug für die Strecke zur nächsten Ladestation dient. Dieser unsachgemäße Gebrauch führt zwangsläufig zu einer größeren Anfälligkeit für Schäden und einer höheren Belastung der Fahrzeuge.

E-Scooter von Tier am Kölner Neumarkt / Bild: © Superbass / CC BY-SA 4.0
E-Scooter von Tier am Kölner Neumarkt / Bild: © Superbass / CC BY-SA 4.0

E-Scooter ist nicht gleich E-Scooter

Nicht alle E-Mobile weisen dieselbe Problematik auf. Von zunehmender Bedeutung werden robustere und langlebigere E-Scooter, die sich hinsichtlich ihrer Bauart und den verwendeten Materialien als geeignete Alternative gegenüber Leichtbaumodellen bewähren. Die aus Bayern stammende Marke „eFlux“ umgeht das Verleihgeschäft und setzt bei ihren E-Rollern auf eine höhere Tragkraft und auf stabilere Chassis im Vergleich zu herkömmlichen Elektroscootern. Auch die führenden Verleihsystem-Anbieter sahen sich gezwungen zu handeln. Sie geben an, dass sich die Lebensdauer ihrer E-Scooter mittlerweile verbessert hat und auf bis zu 24 Monaten gesteigert wurde. Dieses Optimum berücksichtigt jedoch nicht Beschädigungen durch Fremdeinwirkung. Trotz der verbesserten Technik spielt Vandalismus noch immer eine unveränderte Rolle in der Nachhaltigkeitsbeurteilung öffentlicher E-Roller. Infolgedessen scheint der Privatkauf eines E-Scooters mit Straßenzulassung aktuell eine umweltfreundlichere Methode zu sein, E-Mobilität langfristig in Deutschland zu etablieren.

Auf die Beweggründe kommt es an

Zwar ist das Konzept der Elektromobilität grundsätzlich ein richtiger Ansatz, jedoch steht und fällt der positive, umweltfreundliche Effekt mit der Nutzungsintention jener, die sich für eine Fahrt auf dem elektrobetriebenen Roller entscheiden. Werden E-Scooter primär verwendet, um Fahrräder oder Fußwege durch kurze Spritztouren zu kompensieren, steigt die Umweltbelastung unweigerlich. Findet also keine Kraftfahrzeug-Substitution statt, verschlechtert sich die ökologische Bilanz. Ganz einfach.

Anders sieht es aus, wenn Pkws durch E-Roller ersetzt werden. Laut dem Online-Portal Watson, berichtet der Elektroroller-Verleih „Lime“, dass einer Datenanalyse aus Nürnberg zufolge zwischen 25 und 30 % aller Fahrten dort an ÖPNV-Haltestellen enden. Dies legt nahe, dass eine Weiterfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln stattfindet. In Deutschland argumentieren Anbieter von Verleihsystemen, dass E-Scooter zu einer direkten Zunahme der ÖPNV-Nutzung führen könnten.

Betrachtet man die langfristige und vor allem alltägliche Benutzung von E-Rollern – beispielsweise im Pendelverkehr – stellen Leihgeräte allerdings einen hohen Kostenpunkt dar. Die fehlende Flexibilität bezüglich der Rollerverfügbarkeit und dem individuellen Zeitplan des Einzelnen spricht ebenfalls gegen eine alltägliche Nutzung solcher Scooter. Seitenspiegel und Sitze haben diese Modelle auch nicht, was zu einem erhöhten Risiko im Straßenverkehr führt.

Unter diesen Aspekten scheint es also so, als sei die einmalige Investition in einen eigenen E-Roller durchaus die effektivere und sinnvollere Gegenmaßnahme im Kampf gegen den Klimawandel zu sein. Im Gegensatz zu den öffentlichen Leichtbauvarianten erreichen private Elektroroller der Führerscheinklasse AM auch noch Geschwindigkeiten bis zu 45 km/h.

Und was ist mit den Batterien?

Lithium-Ionen-Akkus sind hinsichtlich der CO2-Emission deutlich umweltfreundlicher als jede gängige Art von Verbrennungsmotor. Trotzdem stehen die Batterien in der Kritik. Hauptsächlich geht es dabei um die Herstellung, den Strom und die Entsorgung.

Für die Herstellung wird unter ethisch fragwürdigen und zum Teil menschenrechtsverletzenden Bedingungen im Kongo Kobalt abgebaut, welches für die Produktion von lithiumhaltigen Akkumulatoren unverzichtbar ist. Der technologische Fortschritt muss sich also dahingehend dringend weiterentwickeln, um die betroffenen Menschen zu entlasten und sie nicht von inhumaner Arbeit abhängig zu machen.

Deutschlands aktueller Strommix besteht 2020 noch zu über 40 % aus konventionellen Energiequellen, wodurch die fossilen Ressourcen unseres Planeten weiter verbraucht werden und hohe Emissionswerte die Umwelt belasten. Zwar arbeitet Deutschland priorisiert daran, den Anteil an erneuerbaren Energien im deutschen Strommix zu erhöhen (und das gelingt auch), aber solange hierzulande nicht zu 100 % Ökostrom fließt, bleibt hinter jeder E-Scooter-Fahrt ein sichtbarer CO2-Fußabdruck.

Eine weitere Herausforderung liegt in der Entsorgung der Lithium-Batterien. Die in den E-Scootern der großen Verleih-Dienstleister verbauten Akkus müssen nach einer gewissen Zeit ausgetauscht werden, da die Ladekapazität nicht mehr ausreicht, um sie für öffentliche Scooter einzusetzen. Wandern diese Akkus im nächsten Schritt auf den Recyclinghof, untergräbt das die Nachhaltigkeit der E-Mobilität. Zwar mag die Restkapazität der Akkuzellen zu gering für eine kommerzielle Verwendbarkeit in E-Scootern sein, bei einer direkten Entsorgung der Batterien stünden allerdings Nutzen und Aufwand ökologisch betrachtet in keinerlei Relation zueinander. Wohin also mit den ganzen halb vollen Batterien?

Sogenannte Second-Life-Konzepte lagern solche gebrauchten Lithiumbatterien massenhaft gebündelt in stationären Energiespeichern ein. Diese Stromreserven dienen vor allem dazu, Schwankungen im Stromnetz unmittelbar auszugleichen. In solchen Fällen muss der benötigte Strom sofort zur Verfügung stehen, um das Stromnetz flächendeckend stabil zu halten. Die günstige Eigenschaft von Batterien, Strom sehr schnell aufnehmen und abgeben zu können, macht sie für derartige Speicherfunktionen ideal. Durch Second-Life-Anlagen wird die CO2-Bilanz der Lithium-Ionen-Akkus verbessert, die Lebensdauer verlängert und die Nutzbarkeit erhöht.

Parkplatz für E-Scooter © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Parkplatz für E-Scooter © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Wir sind auf dem richtigen Weg

Die einfache Frage, ob E-Scooter nun umweltfreundlich sind oder nicht, bedarf schlussendlich einer komplexen Antwort. Unsere Hände sind aufgrund des aktuellen technischen Standards leider noch an Kobalt und Lithium gebunden – ein globales Problem. Auf der anderen Seite steigt die Nutzung von Ökostrom in Deutschland und auch in anderen Ländern. E-Scooter-Verleihsysteme können mit einem einzigen E-Scooter zwar mehreren Menschen dienen, eine tägliche Nutzung für Pendler oder längere Strecken bleibt aber unrealistisch, ineffizient und teuer. Dafür haben wir die Möglichkeit, unsere eigenen E-Roller zu kaufen, deren Ausstattung und Leistung ausreicht, um Autos im Alltag zu ersetzen. Und wenn es mal so weit ist, dass der Akku schwächelt, sind Informationen zur nächsten Anlaufstelle für Second-Life-Energiespeicher nur eine Google-Suche entfernt.

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