Das Eem-Interglazial von Melle-Buer

Eem-Interglazial
Foto: Kloweit-Herrmann, Februar 2019

Ein Text von Dr. Manfred Kloweit-Herrmann, veröffentlicht auf Bitten von Herrn Rudolf Herbord.

In der Gemarkung Markendorf befindet sich unter diesem vermeintlich unbedeutenden ErdhĂĽgel am Rande eines Sandabbaugebietes eine einmalige geologische Kostbarkeit, das Eem-Interglazial [1] von Melle-Buer. Wirtschaftlich war es wohl uninteressant, diese Bodenerhebung in derselben Weise, wie es im nahen Umfeld geschehen ist, abzubauen. So ist ein „Restpfeiler“ erhalten geblieben. Sonst wäre er sicher mit dem in ihm enthaltenen „Interglazial unbemerkt abgebaggert worden.“ (Meyer & Meyer, S. 81)

Was ist ein Interglazial?

In der Klimageschichte und auch der Geologie wird zwischen Warmzeiten und Kaltzeiten unterschieden. Eine Warmzeit innerhalb eines Eiszeitalters wird Interglazial genannt. (https://de.wikipedia.org/wiki/Warmzeit)

Das Eem-Interglazial

Die Eem ist ein Fluss in den Niederlanden. In seiner Nähe wurde bei Tiefenbohrungen Material aus der letzten Warmzeit vor der, in der wir uns jetzt befinden, zu Tage gefördert.

Die Eem-Warmzeit (Synonym Eem-Interglazial) begann vor etwa 126.000 Jahren und endete vor 115.000 Jahren. In den Schalen von Mikroorganismen in Meeresablagerungen aus dieser Zeit konnte u.a. festgestellt werden, dass der Meeresspiegel 4 bis 6 Meter oberhalb des heutigen Niveaus (NN) lag. Viele der heutigen Ebenen waren ĂĽberflutet.

Foto: Meyer & Meyer, 1992, S. 85
Foto: Meyer & Meyer, 1992, S. 85

Das Besondere am Eem-Interglazial von Melle-Buer

Das Besondere am Eem-Interglazial von Melle-Buer liegt in der Tatsache, dass es sich um das einzige direkt zugängliche Eem-Interglazial Niedersachsens handelt. Ansonsten steht Material für diesbezügliche wissenschaftliche Untersuchungen nur über aufwendig gewonnene Eisbohrkerne zur Verfügung.

Hier bei uns im Grönegau sind die seltenen Erd- und Gesteinsformationen aber ans Tageslicht gekommen. Geologen und Biologen konnten bzw. können die fĂĽr Forschungen notwendigen Substanzen direkt entnehmen und auswerten. Anhand pollenanaly1ischer Untersuchungen hier gesicherter Proben wurde bisher nachgewiesen, dass z. B. die Ulme in damaliger Zeit in den Wäldern der Umgebung die vorherrschende Baumart war. Dies erstaunt um so mehr, weil „die Ulme nur eine viermal geringere Pollenmenge verstäubt als die Eiche.“ (Meyer & Meyer, S. 88,89)

„Wegen seiner vegetationsgeschichtlichen Besonderheiten und da das Profil das einzige in einem TagesaufschluĂź zugängliche Eem-Interglazial Niedersachsens ist, wurde beantragt, es als geologisches Naturdenkmal unter Naturschutz zu stellen.“ (Meyer & Meyer, S. 81). Die dazu unumgängliche politische Zustimmung der Stadt Melle, auf deren Territorium sich das Interglazial befindet, erfolgte bereits am 9.3.1988 auf der 12. Sitzung des Umweltausschusses des Stadtrates Melle: „Der neue Plan zeigt ….. die Ausweisung des Naturdenkmals. Aufgrund dieser Tatsachen hat das Tiefbau- und Umweltamt eine positive Stellungnahme abgegeben, da eine politische Diskussion nach Ansicht der Verwaltung nicht mehr notwendig ist. Die Stellungnahme wurde von der Bauaufsicht dem Landkreis aber noch nicht zugeleitet.“[2]

Das mag auch der Grund dafĂĽr sein, dass die dafĂĽr zuständige Untere Naturschutzbehörde Landkreis OsnabrĂĽck auf Anfrage mitgeteilt hat: „Dieser Standort ist allerdings nie unter Schutz gestellt worden und heute vor Ort so auch nicht mehr dokumentierbar.“ „Leider ist die geplante Verordnung nie in Kraft getreten.“[3]

Immerhin hat aber das Landesamt fĂĽr Bergbau, Energie und Geologie (LBEG)  “ ….. das Eem-Profil, das  in einem vom Abbau ausgesparten Restpfeiler ….. aufgeschlossen war, ….. in das beim LBEG gefĂĽhrte Geotop-Kataster des Landes Niedersachsen aufgenommen ….. [4]

Ferner bietet das LBEG an „Bei einem solchen Unterschutzstellungsverfahren ….. auf Anfrage der Unteren Naturschutzbehörde“ zu „beraten und ggf. eine geowissenschaftliche Stellungnahme“ abzugeben.[5]

Zwar hat die Natur, wie auf dem ersten Foto deutlich erkennbar ist, schon selbst dafĂĽr gesorgt, dass das Interglazial vor Witterung u. ä. geschĂĽtzt ist. Eine dauerhafte Sicherung dieser einmaligen geologischen Kostbarkeit ist dadurch aber nicht gewährleistet. SchlieĂźlich liegt das Objekt als „Restpfeiler“ in einem Sandabbaugebiet. Gezielte oder auch unbeabsichtigte Beschädigungen oder auch die vollständige  Entfernung aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen sind durchaus denkbar.

Das Eem-Interglazial von Melle-Buer „ist das einzige bisher bekannte aufgeschlossene Vorkommen aus dieser geologischen Zeit im Landkreis OsnabrĂĽck!“[6]

Schon aus diesem Grunde sollte es  als Naturdenkmal unter Naturschutz gestellt werden. Am 13.6.1988 hat der Kreistag gegen die Stimmen von SPD und Grünen  die Zahl der Naturschutzabgeordneten von  vier auf acht erhöht.Am 27.1.2003 hat der Umweltausschuss des Landkreises die Naturschutzbeauftragten abgeschafft, obwohl er dabei durch Streichung von 20000€ auf 100000€ Landesmittel verzichtet hat.

Bis zum Jahr 2005 gehörte das Interglazial von Melle-Buer zum LSG Limberg und Dieselkamp, der heutigen Dynamikinsel Dallmann, ein Naturforschungsobjekt der SON Melle.Seit 2005 ist dieses nicht mehr der Fall. Obwohl nach dem UIG dazu verpflichtet, weigert sich der Landkreis Osnabrück dieses schriftlich zu begründen. Nach der am 27.4.2021 verfassten Stellungnahme war die Teillöschung des Eem-Interglazials aus dem  Landschaftsschutzgebiet rechtswidrig (Blatt (S) 49). Am 6.1.2020 hat die grüne Landrätin Anna Kebschull einen Schutz des Interglazials abgelehnt. Am 21.8.2020 ist das Interglazial zum Denkmal der Erdgeschichte erklärt worden (wenn wirtschaftlich unzumutbar, Ende des Schutzes).

Dieses Vorgehen macht nur Sinn, wenn man die Dynamikinsel Dallmann, eine Sukzessionsfläche, wie 1988 Minister Dr.Ritz im Niedersächsischen Landtag in der Drucksache 11/2521 schrieb ,als Reservedeponie sieht (Deponie auf Deponie). Die Aufnahme der Denkmale der Erdgeschichte in das Denkmalschutzgesetz 2011 ist nach dem Denkmalschutzexperten Dr.Dieter J.Martin (Neues Denkmalrecht in Niedersachsen Seite 10) Willkür.

Das Interglazial war nach Professor Erwin Stadlbauer das erste Denkmal der Erdgeschichte in Niedersachsen. Die verantwortlichen David McAllister und Stephan Weil schweigen auf entsprechende Schreiben bis heute.


Anfragen zum Artikel beantwortet Ihnen Herr Rudolf Herbord (Inhaltlich Verantwortlicher / eem-interglazial.de)


 

  • [1] Meyer & Meyer: Das Eem-Interglazial von Buer bei Melle/OsnabrĂĽck, OsnabrĂĽcker naturwiss. Mitt. 18, S.81 – 90, OsnabrĂĽck, Dez. 1992 (https://www.zobodat.at/pdf/Osnabruecker-Naturwiss-Mitt_18_0081-0090.pdf)
  • [2] Niederschrift ĂĽber die 12. Sitzung des Umweltausschusses am 09.03.1988, Punkt 5, Ziffer 2
  • [3] E-Mails Fachdienstleiter Umwelt, LK OsnabrĂĽck,  an Herrn Herbord, vom 18. Dezember 2018 und 15. Februar 2019
  • [4] Schreiben Landesamt fĂĽr Bergbau, Energie und Geologie an Herrn Herbord, vom 28.08.2018
  • [5] Schreiben Landesamt fĂĽr Bergbau, Energie und Geologie an Herrn Herbord, vom 21.02.2019
  • [6] Bezirksregierung Weser-Ems NZ 2 – 6577 / 84, 12. Dezember 1984

 

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